Reisenotizen (20) Semplin

(August 2025) László Köteles war für viele von uns in Ungarn, die sich für Politik und Gesellschaft interessieren, ein Begriff. Verbunden mit dem „Modell Komlóska”! Das Dorf – ein Zentrum der russinischen Minderheit in Ungarn – liegt malerisch am Rande des Tokajer Weingebiets im Komitatsteil Semplin. Vom touristisch fest erschlossenen „Burgenland” rund um Bodrogkő und Regéc kommend führt der Weg über eine schmale Landstraße durch Felder und Waldstücke. Es ist früher Nachmittag und der Gegenverkehr ist überschaubar. Nur der Lärm der Straßenbauarbeiter – die die Straße gerade instand setzen – unterbricht die Idylle.

Wir befinden uns im Kernland der ungarländischen Russinen. Das atemberaubende Landschaftsbild darf aber nicht über die strukturellen Probleme der Region hinwegtäuschen: „Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Komlóška (Комловшка) noch 1000 Menschen, heute mit allen, die hier gemeldet sind, an die 250”, das erzählt mir ein junger Mann, ein Urkomlóškaer – wie er stolz berichtet – am Straßenrand. Offiziell gemeldet, das ist eine wichtige Ergänzung, denn darauf beruhte das Modell des früh verstorbenen ehemaligen Bürgermeisters der Gemeinde: Er lockte Gewerbetreibende mit null Prozent Gewerbesteuer, woraufhin sich dutzende Firmen im abgelegenen Bergdorf niederließen und Einnahmen für die Gemeindekasse generierten. Mit der Zeit seien aber auch die Behörden dahintergekommen, dass tonnenschwere Lastwagen nur schwer im kleinen Ort, inmitten der Berge ernsthaft geparkt werden könnten und auch die Reform der Gewerbesteuer habe dieses Geschäftsmodell zunehmend uninteressant gemacht – davon berichtet eine junge Dame, die zwar aus einem anderen Dorf eingeheiratet hat, aber sich gut auskennt.

Apropos eingeheiratet: Ähnlich wie in vielen ungarndeutschen Dörfern hat man lange untereinander (oder Russinen aus den Nachbarorten) geheiratet. Dies habe den russinischen Charakter des Ortes bewahrt. Auch heute stelle diese aus dem ehemaligen ungarischen Komitat Scharosch im Nordosten des Nachbarlandes stammende lemkenrussinische Gemeinschaft die Bevölkerungsmehrheit, erzählt der junge Mann weiter. Auch sein Lebensweg führte aber teilweise weg von Komlóška: Er arbeitet in einer größeren Stadt, etwa eine Autostunde vom Ort entfernt. Auf die Abwanderung in sozialistischen Zeiten folgte nach der Wende eine andere Entwicklung: „Viele sind aus der Nähe von Nyíregyháza und Debrezin hierher gezogen”, sagt eine Dame in ihren Siebzigern und zeigt nach oben: „Dort wohnen die Fremden”. „Viel” ist im Falle eines 250-Seelen-Dorfes natürlich relativ, aber ein dutzend Neuzugezogene erscheinen wohl für die Alteingesessenen durchaus als eine wahrnehmbare Größenordnung. Bei der Dame steht ein Mann, der gerade eine Garageneinfahrt herrichtet. Beide sind Russinisch-Muttersprachler und benutzen die Sprache mit den Älteren täglich. „Das ist eine einmalige Sprache, dem Slowakischen ähnlich. Wir verstehen eigentlichen die Russen, Slowaken und die Polen!”, ergänzt die Frau im Gespräch. Ein Eindruck, den auch der junge Mann bestätigt, der nach eigenem Bekunden nur noch gebrochen die Sprache spreche, aber dennoch sich eingehend mit ihr beschäftigt habe. Die Nähe zum Polnischen und Slowakischen lässt sich wohl auf das ursprüngliche Siedlungsgebiet im damaligen Oberungarn inmitten bzw. am Rande des slowakischen und polnischen Sprachgebiets zurückführen. Aus diesem Lemkengebiet kamen Siedler um 1750 nach Komlóška und gründeten eine neue Heimat.

Von dieser bäuerlichen Existenz zeugt das Heimatmuseum – das Ortsbild zeigt insgesamt noch Elemente der russinischen Baukunst, wenngleich Kádár-Würfel und Nachwendehäuser deutliche Modernisierungstendenzen zeigen. Den durch Abwanderung und Aussterben bedingten Rückgang der Einwohnerzahl zeigt auch die Tatsache, dass der Ort seine russinische Nationalitätengrundschule verloren hat: 2011 war sie die kleinste Elementareinrichtung des Landes mit nur sieben Schülerinnen und Schülern: „Die Schule ließ sich nicht mehr rentabel betreiben, die Gemeinde musste jedes Jahr zuschießen”, erzählt die bereits erwähnte junge Frau. Der Kindergarten – ein putziger Neubau – halte sich noch, aber die Frage sei, wie lange? Man beschäftige sich in der Kita auch mit Russinisch, aber ähnlich wie anderswo reiche das ja nicht aus, um die Sprache zu tradieren, bestätigen alle Gesprächspartner. Der Sprachverlust ist auch äußerlich sichtbar: Ich fand im Ort keine einzige russinische Aufschrift.

Ein anderes Bild erwartet mich gut 15 Kilometer weiter inmitten des Tokajer Weinbaugebiets. In Trautsondorf/Hercegkút, das mit Siedlern aus dem Schwarzwald in der gleichen Zeit wie Komlóška besiedelt wurde, wimmelt es nur so von deutschen Inschriften – selbst manch Gewerbetreibender bedient sich in Teilen des deutschen Ortsnamens. „Wie »schwäbisch« ist noch Trautsondorf?”, will ich von Passanten wissen: „Sehr”, so unisono! Man würde Sprache und Kultur pflegen, ergänzen meine nicht ortsansässigen Gesprächspartner. Wie ich augenzwinkernd erfahre, stelle sich die Frage in der Region so: Wie hoch ist im jeweiligen Ort der Anteil der Roma-Bevölkerung? In Komlóška und Trautsondorf wohnen kaum Roma, erzählt man mir. „Wenn es hochkommt, dann ist nur noch etwa die Hälfte der Bevölkerung schwäbisch oder schwäbischstämmig Die Sprache spricht keiner mehr”, darüber berichtet mir nüchtern eine ortsansässige Frau Anfang 70, die gerade ihren schönen Hintergarten pflegt. „Selbst unsere Eltern durften in der Schule nicht mehr Mundart reden. Wenn sie es taten, mussten sie als Strafe »magyar kenyeret eszünk, magyarul beszélünk« (wir essen ungarisches Brot, wir reden ungarisch) hundertmal aufsagen”, berichtet sie von den Demütigungen der älteren Generationen. Auch die „kleine Arbeit“, die 136 Dorfbewohner erlitten hätten, sei ein harter Einschnitt gewesen. Dennoch pflege man noch kulturelle Traditionen, so über die berühmte Tanzgruppe oder gemeinsame Aktionen wie Heumähen.

Trautsondorf liegt an der in die Slowakei führenden Nationalstraße und gehört zu den beliebtesten Tourismusregionen des Landes. Draußen an den Weinkellern reihen sich Autos mit ausländischen Kennzeichen aneinander, deren Besitzer sich mit Tokajer Wein eindecken. Soweit das Auge reicht, beherrschen die liebliche Landschaft Weingüter. Auch der Ort macht einen sehr aufgeräumten und wohlhabenden Eindruck. An der Wand eines Gebäudes in der Ortsmitte prangt die Aufschrift „Genossenschaft”: „Die Genossenschaft gibt es lange nicht mehr, heute bewirtschaftet man die Weingüter als Familienbetriebe”, erzählt eine Frau Mitte 60, die ich beim Rasenmähen unterbreche. Auch Beherbergungsbetriebe sorgten für Beschäftigung, so die Frau weiter. Aber auch sie bestätigt den Sprachverlust. Bis auf die Alten spreche man die Sprache im Alltag nicht mehr, auch nicht in der Kirche. Die Zuwanderung habe die Dorfgemeinschaft zwar verändert, aber die Meinungen gehen auseinander, wie massiv dieser Zuzug ist.

Wie auch immer, die Gegend scheint attraktiv zu sein: Das erfahre ich, als ich auf dem modernen Kinderspielplatz ein Ehepaar mit zwei Enkelkindern treffe. Die Eheleute wohnen nach eigenen Angaben im nahe gelegenen Sárospatak und kämen regelmäßig hierher, weil es hier so ruhig und ordentlich sei. Eben ein schwäbisches Dorf, wie man es kennt, könnte man denken.

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