Die ungarndeutsche Jugend traf sich Mitte März in Ödenburg, um über aktuelle politische Fragen, Fördermöglichkeiten und die Bewahrung der Identität zu diskutieren. Dass die 11. Jugendkonferenz der LdU weit mehr als nur ein einfaches Treffen war, bewies das starke Engagement der Teilnehmer: Über 30 junge Leute machten sich aus insgesamt 27 verschiedenen Gemeinden auf den Weg, von den entlegensten Winkeln des Landes bis hin zur gastgebenden Stadt Ödenburg selbst war die gesamte ungarndeutsche Landkarte an diesem Wochenende vertreten. Unter den Teilnehmern befanden sich zahlreiche junge Talente, die bereits heute aktiv Verantwortung übernehmen, sei es als gewählte Mitglieder deutscher Selbstverwaltungen auf lokaler Ebene oder als engagierte Akteure in ungarndeutschen Vereinen im ganzen Land.
Dass auch mehrere Mitglieder der Vollversammlung und Jugendausschuss der LdU an der Veranstaltung teilnahmen, unterstrich den hohen Stellenwert dieses Dialogs zwischen den Generationen und Entscheidungsträgern. Als historisches Zentrum des Ungarndeutschtums bot die Stadt Ödenburg den idealen Boden für den Austausch über Tradition und Zukunft.
Als Ort der Begegnungen diente das geschichtsträchtige Rejpal-Haus, der Sitz der örtlichen deutschen Selbstverwaltung. In diesen Mauern, die seit Generationen die deutsche Kultur und Geschichte der Region bewahren, fanden die Workshops und Diskussionen statt.
Freitag: Nationalitätenpolitische Bildung und strategischer Pragmatismus
Ein Schwerpunkt der Konferenz war die Parlamentswahl 2026 in Ungarn und damit die Aufklärung über das ungarische Wahlsystem bezüglich der Minderheitenliste. Die Teilnehmer erarbeiteten die Vorteile der Nationalitätenliste. Eine wichtige Erkenntnis der Diskussion war, dass derjenige, der sich für die Nationalitätenliste entscheidet, seine politische Mitsprache nicht aufgibt, sondern weiterhin den Wahlkreiskandidaten seiner Parteipräferenz unterstützen kann. Zudem wurden die Rollen des Nationalitäten(für)sprechers (Sprecher ohne Stimmrecht) und des Parlamentsabgeordneten (mit vollem Stimmrecht) detailliert erläutert.
Obwohl der Spitzenkandidat der LdU-Landesliste, Gregor Gallai, aufgrund eines unaufschiebbaren regionalen Wahlforums in Ostungarn kurzfristig absagen musste, wurden seine Botschaften, die politische Neutralität und die strategische Positionierung der Minderheitenvertretung auch thematisiert. Gallai betonte in einem Schwabenland-Interview, man müsse für die Minderheit an der Gratlinie stehen und versuchen, mit allen, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, ein gutes Verhältnis zu pflegen. Er unterstrich, dass man keine effektive Nationalitätenpolitik aus der Opposition heraus betreiben könne, da deren Unterstützung für die Minderheiten nicht so essenziell sein könne wie die der jeweiligen Regierungspartei. Nur durch die neutrale Zusammenarbeit mit der Regierung ließen sich wirklich greifbare Ergebnisse für die Gemeinschaft erzielen.
Samstag: Praxisnahes Wissen und regionale Kultur
Neben den nationalitätenpolitischen Leitlinien kam auch die praktische Basisarbeit für das tägliche Leben in den Gemeinden nicht zu kurz. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der finanziellen Absicherung der ungarndeutschen Arbeit: Tímea Tölcsér, Abteilungsleiterin für Nationalitätenförderungen beim Gábor-Bethlen-Fondsverwalter AG (BGA Zrt.), vermittelte in ihren praxisorientierten Workshops essenzielle Strategien für eine erfolgreiche Antragstellung. Die Teilnehmer erhielten wertvolle Tipps, wie deutsche Nationalitätenvereine und Selbstverwaltungen staatliche Fördermittel effizient nutzen können, um ihre kulturellen Programme sowie den Erhalt ihrer lokalen Infrastrukturen langfristig und nachhaltig zu sichern. Die Teilnehmer konnten sich selbst in der Erstellung eines Förderantrags ausprobieren. In einer Simulation erarbeiteten sie konkrete Projektentwürfe, die anschließend von der Abteilungsleiterin fachkundig bewertet wurden. So erhielten die Jugendlichen direktes Feedback und lernten aus erster Hand, worauf es bei der langfristigen Sicherung kultureller Programme und lokaler Infrastrukturen ankommt.
Ergänzt wurde dieses Fachwissen durch Einblicke in die regionale Geschichte und Kultur. Tamás Taschner, Vorsitzender der Deutschen Selbstverwaltung Ödenburg, führte die Jugendlichen persönlich durch die Gassen der „Treuesten Stadt“ und machte die jahrhundertealten deutschen Spuren im Stadtbild lebendig. In seinen fesselnden Vorträgen beleuchtete er über die wechselvolle und reiche Geschichte der Region, was bei den jungen Zuhörern das Bewusstsein für ihre eigenen Wurzeln stärkte.
Einen weiteren wichtigen Beitrag zur regionalen Vernetzung leistete Robert Wild, Leiter des LdU-Regionalbüros Westungarn. Er gab den Teilnehmern ein detailliertes Bild über die spezifischen kulturellen Eigenheiten des westungarischen Raums und berichtete über aktuelle Projekte und Ereignisse der dortigen Gemeinschaft.
Ein Netzwerk für die Zukunft
Bei lokalen gastronomischen Spezialitäten, Harmonikaklängen, traditionellem Gesang und Tanz knüpften die Jugendlichen aus allen Landesteilen angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer neue Kontakte und vertieften bestehende Freundschaften in informellen Gesprächen.
Den Abschluss bildeten am Sonntag spannende Situationsübungen zum Thema Wahlkampfführung. Dabei erhielten die Teilnehmer auch ganz praktische Unterstützung und Tipps, wie sie die Bedeutung der Nationalitätenliste verständlich erklären und den Prozess der Registrierung für die Wahlbeteiligung erfolgreich vermitteln können. Mit diesem wertvollen Rüstzeug für die Basisarbeit vor Ort traten die Teilnehmer nach dem Mittagessen schließlich die Heimreise an.
Die Bedeutung dieser Gemeinschaftsarbeit unterstrich auch der Hauptorganisator, Károly Radóczy, in seinem Schlusswort: “Die Jugendkonferenz war auch diesmal wieder ein unvergessliches Erlebnis, das mir – und ich denke, uns allen – die Motivation in Bezug auf die behandelten Themen sowie die Bedeutung der Jugendarbeit im Allgemeinen erneut bekräftigt hat. Neben dem obligatorischen Teil gibt es hier immer wieder Zeit und Gelegenheit, sich abends frei auszutauschen, sich in die Situation der jungen Ungarndeutschen in anderen Ortschaften einzufühlen, gute Ideen mitzunehmen und selbst Tipps zu geben. Nach diesem Wochenende bin ich körperlich zwar immer sehr müde, aber seelisch umso mehr gestärkt, und dieser Schwung hält meist monatelang an. Es war schön, Teilnehmer von früher wiederzusehen und auch neue Gesichter kennen zu lernen. Wir treffen uns nächstes Jahr mit einem neuen Thema an einem neuen Ort!”
Die 11. Jugendkonferenz hat gezeigt: Die junge Generation versteht es, politische Verantwortung mit kultureller Identität zu verbinden und ist bereit, den Weg des konstruktiven Dialogs konsequent weiterzugehen.
Ein herzliches Dankeschön gilt der LdU sowie Károly Radóczy für die hervorragende Organisation dieser wertvollen Veranstaltung.