Hochwertige kartographische Arbeit mit Verleugnung der Geschichte
Für jemanden wie mich sind Karten von besonderem Interesse. Man kann viel und oft noch mehr aus den grafischen Darstellungen von Raum, Verteilung und Entwicklung ablesen. Wenn es um demographische Karten geht, schlägt mein Herz noch höher. Ungarns Nationaler Atlas ist in dieser Hinsicht ein Volltreffer. Aus Sicht eines Ungarndeutschen jedoch ist es eine Enttäuschung. Kritische Anmerkungen sind daher unumgänglich.
Wo sind die Deutschen verschwunden?
Das in vielerlei Hinsicht lückenfüllende Werk bietet neben aktuellen Statistiken auch einen historischen Überblick zur Bevölkerungsentwicklung im Karpatenbecken. Der Verfasser des Kapitels „Ungarn und die Madjaren“, Károly Kocsis, schildert die tausendjährige Geschichte der Madjaren aus einer eindeutig madjarischen Perspektive.
Es ist problematisch, dass Herr Kocsis die Assimilationsprozesse im ungarischen Landesteil als natürlichen Prozess beschreibt. Er betont, der liberale ungarische Staat sei gar nicht in der Lage gewesen, eine Zwangsassimilierung durchzuführen. Natürlich darf man historische Entwicklungen nicht ausschließlich mit heutigen Maßstäben beurteilen, die Standards jener Zeit waren andere. Im Vergleich zu zentralistischeren Staaten wie Frankreich mag diese Behauptung in Teilen zutreffen, aber es ist schlicht nicht wahr, dass es keine systematische Assimilation gegeben habe.
Noch auffälliger ist das Schweigen über das Ungarndeutschtum in der Zwischenkriegszeit. Es wird lediglich festgestellt, dass der Anteil der Madjaren zugenommen habe – kein einziges Wort über die Ursachen, über politische Strategien oder gesellschaftlichen Druck.
Die deutschsprachigen Inseln zwischen Identitätsverlust und Stillschweigen
Was der Atlas ebenfalls ausspart, ist der gewaltsame Umbau der ethnischen Landkarte nach 1945 – nicht nur in den Städten, sondern auch in ländlichen Gebieten. Während detailliert beschrieben wird, wie sich die magyarische Bevölkerung zwischen 1780 und 1910 durch Binnenwanderung, Geburtenüberschuss und Assimilation ausbreitete, bleibt unerwähnt, dass dieselben Territorien zeitgleich von einer massiven Reduktion der deutschsprachigen Gemeinden betroffen waren.
Besonders irreführend ist die Darstellung der Nachkriegszeit. Die Vertreibung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien wird zwar angesprochen, Ungarn jedoch bleibt in dieser Aufzählung auffällig ungenannt. Das ist kein bloßes Versäumnis, sondern ein systematisches Verschweigen. Die ethnische Landkarte wurde durch staatlich gelenkte Umsiedlungen und Vertreibungen neu gezeichnet: Es verschwanden gelbe Flecken, die für nichtmadjarische Gebiete standen und wurden ersetzt durch rote, die für madjarische Dominanz stehen. Diese kartographische Symbolik zieht sich durch das Werk – ohne jegliche Erklärung.
Eine vertane Chance auf mehrstimmige Darstellung
Das Werk zeigt ein beeindruckendes kartographisches Niveau und erhebt den Anspruch, ein umfassendes geographisches Verständnis des Karpatenbeckens zu vermitteln. Umso notwendiger wäre es gewesen, auch die Perspektiven der nichtmadjarischen Bevölkerung ernsthaft einzubeziehen – nicht nur als statistisch erfasste Minderheiten, sondern als historische Akteure, deren Schicksale, Leistungen und Verluste untrennbar zur Geschichte Ungarns gehören.