Die vergessenen deutschen Straßennamen von Fünfkirchen
Von Aron August Hohmann Beitragsbild: Rekonstruktion des Stadtplans der Innenstadt von Fünfkirchen auf Basis des Grundbuchs von 1723. Quelle: Bárdos István, Pécs régi német utcanevei, 1933.
Wer heute durch die Innenstadt von Fünfkirchen spaziert, liest ungarische Straßennamen wie Király utca, Jókai tér, Váradi Antal utca. Vertraute Namen, fest verankert im Alltag der Stadt. Doch wer ein wenig tiefer gräbt, stößt auf eine andere Welt: eine Welt, in der dieselben Straßen Ofnergasse, Fischmarkt und Franciscaner Klostergasse hießen, in der Schmiede, Seiler und Bäcker den Straßen ihren Namen gaben. Dort war das Deutsche nicht Fremdsprache, sondern Muttersprache eines großen Teils der Stadtbevölkerung.
Die Stadt, die wir kennen, ist eine von vielen Schichten. Eine dieser Schichten klingt, wenn man genau hinhört, nach Bayern und Schwaben, nach Handwerk und Kirchenglocken, nach einer Gemeinschaft, die Fünfkirchen zu dem gemacht hat, was es heute ist.
Diese Namen verschwanden, weil eine ganze Gemeinschaft assimiliert wurde. Dies geschah langsam, über Generationen – bis die Sprache verstummte und die Straßen neue Namen bekamen. Was blieb, sind die Dokumente: ein Grundbuch aus dem Jahr 1723 und Ratsprotokolle. Dazu gibt es noch eine fast vergessene akademische Arbeit eines Historikers aus dem Jahr 1933, die all diese Namen sorgfältig aufgezeichnet hat, bevor auch die Erinnerung daran verblasste.
Dieser Artikel ist eine Einladung, diesen Teil des deutschen Erbes von Fünfkirchen zu entdecken.
Die Deutschen in Fünfkirchen: Woher sie kamen, was sie geleistet haben
Fünfkirchen war nach der Vertreibung der Türken (Osmanen, Red.) im Jahr 1686 eine leere Stadt. Nicht im übertragenen Sinne, sondern buchstäblich: Die erste Volkszählung nach der Rückeroberung verzeichnete gerade einmal 180 Familien innerhalb der Stadtmauern, ein Gemisch aus Ungarn (Madjaren, Red.) und Kroaten, die die Jahrzehnte der osmanischen Herrschaft irgendwie überdauert hatten. Die Gassen lagen Großteils in Trümmern, ganze Straßenzüge waren unbewohnt.
Die kaiserliche Hofkammer, die die Stadt nun verwaltete, hatte bei der Neubesiedelung zwei klare Ziele: wirtschaftlichen Ertrag und politische Verlässlichkeit. Für beides fand sie in den deutschen Handwerkern und Gewerbetreibenden die geeignetsten Kandidaten. Sie kamen aus Schwaben, Bayern, Franken, Böhmen, Österreich, aus der Steiermark und aus Schlesien. Sie waren Schlosser und Zimmerleute, Bierbrauer und Fuhrleute, Ärzte und Bäcker. Kaiser Leopold I. erleichterte ihre Ansiedlung mit konkreten Vergünstigungen: Deutsche Siedler mussten für ihre Hausgrundstücke nur ein Drittel des Schätzwertes zahlen.
Bereits 1691 hatte eine größere Gruppe schwäbischer Siedler das Recht erhalten, aus ihrer Mitte einen eigenen deutschen Richter zu wählen. Er spielte auch bei den Ratssitzungen eine bedeutende Rolle. Die Ratsprotokolle der Stadt aus dem Jahr 1707 lesen sich wie ein Querschnitt durch das damalige Mitteleuropa: Johann Michl Keller, Wundarzt aus Bayern, Wolfgang Zangl, Schlosser aus dem Inntal in Tirol, Martin Krist, Zimmermann aus Schlesien, Georg Schenckh, Wagner aus Schwaben. Sie alle legten in Fünfkirchen ihren Bürgereid ab und bauten sich ein Leben auf, das sich in den Straßen der Stadt bis heute widerspiegelt.
Bis 1698 waren bereits 627 Bürger und 352 Häuser in der Stadt registriert. Nach den Verwüstungen der Kuruzzen und des serbischen Militärs im Jahr 1704, die die Stadt zweimal fast vollständig zerstörten, begann der Wiederaufbau erneut. Neue Siedler kamen, die Bevölkerung wuchs. Mit ihr wuchs eine Stadt, deren Alltag, deren Handel, deren Verwaltung und deren Straßen durch die deutsche Sprache geprägt wurden.
Die Straßen sprechen Deutsch: Ein Spaziergang durch das alte Fünfkirchen
Die beste Quelle für die deutschen Straßennamen von Fünfkirchen ist ein Dokument, das man nicht kaufen kann: das erste Grundbuch der Stadt, entstanden zwischen 1711 und 1728 – heute verwahrt im Stadtarchiv. István Bárdos, ein Historiker der Universität Fünfkirchen, wertete es 1933 in seiner Dissertation systematisch aus und rekonstruierte dabei den gesamten Stadtplan der deutschen Siedlerzeit. Das Ergebnis ist ein Stadtbild, das einem gleichzeitig fremd und vertraut vorkommt.
Nehmen wir die wichtigste Straße der Stadt. Die heutige Király utca hieß damals Ofnergasse, weil sie die Hauptverkehrsader in Richtung Ofen, also Buda war. Aber sie hatte noch einen zweiten Namen: Sterngasse. Nicht wegen irgendeiner Dekoration, sondern weil sich hier alles konzentrierte, was eine Stadt am Leben hält. Das Salzhaus, das Rathaus, die Häuser des kaiserlichen Postmeisters Fridericus Krönner, die Ordenshäuser der Pauliner und Dominikaner. Bárdos schreibt: “In dieser Straße konzentrierte sich alles, was im Leben einer Stadt von größerer Bedeutung ist. Die Straße war gleichsam der Glanzpunkt, der Stern der Stadt.” [Übers. d. Red.] Der Stern der Stadt: ein Name, der nicht vergeben, sondern verdient wurde!
Gleich um die Ecke lag der Fischmarkt, heute der Jókai tér. Ein schnörkelloser Name für einen schnörkellosen Ort: Hier wurde Fisch verkauft. Als der Fischhandel später vor die Stadtmauern verlegt wurde, bekam der Platz einen neuen Namen: Kleiner Platz. Das zeigte gerade das Verhältnis zum nahegelegenen größeren Hauptplatz, dem heutigen Széchenyi tér, der damals Dreyfaltigkeitsplatz hieß. Dieser Platz wurde nach der Pestsäule benannt, die die Bürger nach der verheerenden Epidemie von 1692 aus Dankbarkeit errichteten.
Manche Namen erzählen von den Menschen, die in einer Straße lebten und arbeiteten. Die Wagnergasse, heute Nagyflórián utca, hatte ihren Namen von Hans Georg Schenckh, einem Wagnermeister aus Schwaben, dessen Haus als letztes in der Innenstadt im Grundbuch eingetragen ist. Die Böckhengasse, ein Stück der heutigen Anna utca, verdankt ihren Namen einem Bäckermeister namens Joannes Lebl. Dabei ist das Wort Böckh die süddeutsche Variante von Bäcker – ein kleines sprachliches Fossil aus dem Schwäbischen. Die Schlossergasse nebenan erinnert an die Zunft der Schlosser, über die die Ratsprotokoll-Bücher ausführlich berichten.
Andere Namen sind poetischer. Das Sauwinkhl, heute Timár utca, war der ironische Name für eine Gasse mit zweifelhaftem Ruf – eine Tradition, die Bárdos mit ähnlichen Straßennamen in Lübeck, Königsberg und Pressburg vergleicht. Dann gibt es noch den Ka(t)zensteig, einen steilen, engen Durchgang, dessen Name schlicht bedeutet: so schmal, dass nur eine Katze durchkommt. Der Volkshumor hat sich über Jahrhunderte erhalten, auch wenn der Name längst vergessen ist.
Was die beigefügte Karte so eindrücklich zeigt, ist nicht nur die Dichte dieser Namen, sondern ihre Logik. Dies war keine aufgezwungene Nomenklatur, sondern eine organisch gewachsene Sprache der Stadt, in der sich Handwerk, Glaube, Humor und Alltag gleichermaßen spiegeln.
Fünfkirchen, wie es klingen könnte
Die beigefügte Karte hat uns gezeigt, was war. Doch wie könnten die Straßen von Fünfkirchen heute heißen?
In Ödenburg ist es bereits gelebte Realität: Straßenschilder tragen dort sowohl den ungarischen als auch den deutschen Namen – selbstverständlich, als das, was sie sind: ein Spiegel der Geschichte der Stadt. Niemand hat dort die Vergangenheit neu erfunden. Man hat sie schlicht sichtbar gemacht.
Fünfkirchen hat dieselbe Geschichte. Die deutschen Siedler haben ihre Spur hinterlassen, während ihre Nachfahren heute noch dort leben. Die Straßennamen sind nicht verschwunden. Sie warten nur darauf, wieder auf einem Schild zu stehen.
Eine zweisprachige Beschilderung wäre ein Ausdruck des historisch-kulturellen Erbes der Stadt: ein Hinweis für Touristen und Studierende, ein Wiedererkennen für die Nachkommen der alten Siedlerfamilien, ein stilles Bekenntnis der Stadt zu ihrer eigenen Tiefe. Ödenburg macht es vor.
István Bárdos saß 1933 in einem Archiv und schrieb Namen auf, die kaum noch jemand kannte. Er tat es, weil er wusste, dass ein Name, der einmal aufgeschrieben ist, nicht mehr ganz verloren gehen kann. Diese Namen gehören zur Geschichte von Fünfkirchen, genauso wie die Király utca, genauso wie die Fünfkirchner, die heute dort wohnen.