Von den Begriffen „Hochkultur“ und „Stammeskultur“ halte ich ehrlich gesagt in einer nicht gleichrangig betrachteten Einstufung nicht viel. Auch die einfachste Möglichkeit, die sichert, in gegenseitiger Achtung zusammenzuleben, betrachte ich als legitim und anerkennenswert. Es handelt sich ja um gleichrangige kulturelle Standards.
In diesem Sinne schaue ich mir zum Beispiel Aufnahmen Leni Riefenstahls von dem afrikanischen Stamm der Nuba in gewisser Regelmäßigkeit an. Ich möchte erleben, wie sie bei einer professionellen Betrachtung mithilfe der Technik – in einem nicht ungleichen Verhältnis ihres steinzeitlichen Entwicklungsstandes – vor einem interessierten Publikum erscheinen.
In den Besitz der Vorzüge moderner Zeit gelangt, löst sich alles auf, was in einer bestimmten Harmonie frühzeitlicher Entwicklung steht: zum Beispiel der Besitz von Handys, Motorrädern oder auch nur westlicher Kleidung.
Wir, Deutsche in Ungarn, sind auf unsere Art auch ein Stamm, der versucht, zeitgemäß zu wirken, weil er sich alles ausreden lässt, was ihn von der Sprache bis zum Inhalt des Kochtopfs von je her ausgemacht hat.
Worüber ich nun schreiben möchte, wird als eine Erfahrung nicht von allen unter uns geteilt werden können, aber das ist gerade gut so. Als ich in meinem Umfeld gemerkt habe, dass immer mehr Menschen, ja ganze Familien aus deutschen Landen erscheinen, um hier einen einigermaßen festen Wohnsitz zu nehmen, da sah ich eine Möglichkeit, unsere kleine Volksgruppe mit neuem Leben zu erfüllen.
Ich habe gedacht, man sei gegenseitig daran interessiert, die Sprache zu pflegen und sich auch auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. Diese Begegnungen verlaufen in meinem Erfahrungskreis aber in der Regel nicht nach meiner ursprünglichen Hoffnung und Motivation. Ein Interesse an uns „ungarndeutschen Nuba“ signalisiert sich nur vereinzelt, dann auch eher nur bei Veranstaltungen mit Gaudi, Trank und satt gedeckten Tischen.
Sonst gibt es eher die belehrende Haltung. Eine ältere Dame erzählt uns beim Tierarzt, dass sie im Dorf, das ihr als eine neue Heimat dient, die Katzen regelrecht einfängt, um sie sterilisieren zu lassen. Es sei ein Unding, sich um Tierwohl so wenig zu kümmern, dass man eine Vermehrung der Tiere außerhalb der professionellen Zucht zulässt. Argumente ließ sie nicht zu, sie komme ja aus Deutschland, wo so etwas zu den Standards der Entwicklung gehöre.
Häufig geschieht es auch, dass man in einem höflich gemeinten Gespräch dazu aufgefordert wird, bitte sich weiter nicht in deutscher Sprache zu unterhalten, denn wie könne man endlich der ungarischen Sprache mächtig werden, wenn man auf Schritt und Tritt in Deutsch angefaselt wird?
Aber man kann ja als Haushälter oder Gutsverwalter dienen, wenn die Eigentümer aus dem deutschen Westen in ihrem Urlaub abwesend sind. Da schätzt man es dann doch als positiv ein, wenn man einigermaßen deutsch kann, und bemängelt es sogar, nicht alle Instruktionen bezüglich nötiger Hege und Pflege des Haushalts sowie der Sicherheitsvorkehrungen aufs Erste zu verstehen und hinzukriegen.
Auch die Bewunderer ungarischen „Nationalstolzes“ gibt es nicht selten unter unseren Neusiedlern. Ihrer Ansicht nach ist dieses Merkmal etwas, was man mit einer in ihren Augen ersichtlichen vorhandenen Ordnung in Verbindung bringen kann. Auch sagte mir unlängst jemand von ihnen, dass es gar kein Problem sei, dass die Jugend von hier abwandere, denn Mengen aus Deutschland würden die leer gewordenen Immobilien schon entsprechend „auffüllen“.
Ohne Zweifel ist es auch schon mal vorgekommen, dass man meinen Vortrag über eine Volksgruppe der Ungarndeutschen mit Interesse angehört hat – mit der Bemerkung: „Ja, ja, wir haben auch schon welche getroffen, aber die Jugend spricht nur noch ungarisch, was ja auf dem Weg der Entwicklung voll verständlich ist.“
Der Volkskundler Rudolf Hartmann hat bereits in den 20er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts unsere damals noch ziemlich intakten deutschen Landstriche hier in Ungarn besucht. Er hat die Wohngebiete unseres Stammes – von einem wahren Interesse getrieben – photographisch erfasst. Er könnte in seiner „Reinkarnation“ sehen, was von uns bis heute übrig geblieben ist.
Was wir zu unserem Erhalt selber auf die Beine kriegen, ist ziemlich bescheiden. Das liegt nicht so sehr an der mangelnden Mühe mancher engagierter Zeitgenossen von uns Deutschen in Ungarn. Es fehlt an jenem erhaltenden Interesse unserer Masse hier, die sich von außen weder reparieren, noch auch nur auffüllen lässt.
Die Mühe von innen wird bei einem nicht erfolgenden Umdenken unseres Volksgrüppchens nicht ausreichen, ganze verschwundene Schichten unserer Basis wiederherzustellen. Eine neu gefundene Basis könnte es aber mit vollem Bewusstsein hinkriegen, auch in einer Gleichberechtigung „Neuankömmlinge“ in unsere Kultur zu integrieren.